Was passiert eigentlich, wenn die Generation Airbnb alt wird? Eines ist sicher: Sie wird sich nicht mit einer klassischen „Versorgungsanstalt“ zufriedengeben. Für Benjamin Oeckl, Gründer von BelForm, ist klar: Die Zukunft des Senior Living entscheidet sich nicht an der Technik, sondern an einer konsequenten Ausrichtung auf die Bedürfnisse und den Lifestyle der Bewohner. Es geht um echte Gemeinschaft und die „Leichtigkeit des Ankommens“.
Wann wir an „Senior Living 2035” denken: Was wird sich deiner Meinung nach am stärksten verändern und was bleibt überraschenderweise gleich?
Benjamin Oeckl:
„Die Technologie wird sich am wenigsten verändern. Es wird sich die Zielgruppe verändern. Die Best Ager von 2035 sind die heutigen Mitte-50- bis Mitte-60-Jährigen. Sie kennen Airbnb, nutzen ShareNow und buchen ihren Urlaub auf dem Smartphone. Und sie werden ein Wohnprodukt, das nach Versorgungsanstalt aussieht, schlicht nicht akzeptieren, nur weil sie älter geworden sind. „Senior Living” muss sich daher viel stärker an den Bereichen Hospitality und Lifestyle orientieren. Es muss buchbar, flexibel und erlebbar sein. Wer das nicht versteht, baut am Markt vorbei.
Was gleich bleibt, ist eigentlich das Wichtigste: Menschen wollen sich zugehörig fühlen. Das ist mit 25 so und mit 75 nicht anders. Einsamkeit ist bereits heute eines der größten Gesundheitsrisiken, und das wird sich bis 2035 nicht ändern. Natürlich bleibt auch der Pflegebedarf bestehen. Das Spektrum davor ist jedoch riesig und genau dort fehlen die Produkte. Was sich ändern muss, ist die Art und Weise, wie wir Gemeinschaft ermöglichen. Nicht der Gruppenraum im Keller, den keiner nutzt. Sondern durch echte Formate: freiwillig, kuratiert und auf Augenhöhe. Gemeinschaft passiert nicht von allein. Sie muss Teil des Produkts sein.“
Viele Best Ager wollen heute aktiv, selbstbestimmt und vernetzt leben. Was bedeutet das konkret für Design, Gemeinschaft und Services in modernen Wohnkonzepten?
Benjamin Oeckl:
„Beim Design bedeutet das vor allem unsichtbare Assistenz. Barrierefreiheit ist selbstverständlich. Aber sie darf nicht nach Krankenhaus aussehen. Gutes Senior Living fühlt sich an wie ein gut gemachtes Boutique-Hotel: Licht, Akustik, Materialien und Orientierung stimmen, ohne dass man darüber nachdenkt. Bei der Gemeinschaft sage ich immer: Gemeinschaftsräume müssen die besten Flächen des Hauses sein. Und sie benötigen ein Programm. Die Community ist kein Grundrissthema, sondern ein Betriebsthema, das auf den richtigen Flächen eine Geschichte erzählen muss. Bei Services gilt: Weniger ist mehr, wenn es das Richtige ist. Nicht zwanzig Features, die keiner nutzt, sondern drei, die das Leben spürbar einfacher machen.
Das sehen wir in unseren eigenen Projekten ganz konkret. In einem Turnaround-Projekt in Frankfurt haben wir die Gemeinschaftsflächen komplett neu konzipiert und unser Kunde hat innerhalb von acht Monaten eine Vermietungsquote von über 95 Prozent erreicht. Am Ende zahlt sich Empathie im Produkt direkt in stabileren Cashflows aus. Bewohner, die sich gesehen fühlen, bleiben länger, empfehlen das Angebot weiter und gehen sorgsamer mit dem Inventar um.“
Du hast selbst in vielen Coliving- und Serviced-Apartment-Konzepten weltweit gelebt. Welche Erfahrungen würdest du dir daraus ganz bewusst für das Senior Living der Zukunft wünschen?
Benjamin Oeckl:
„Drei Dinge. Erstens die Leichtigkeit des Ankommens. In den besten Serviced Apartments, in denen ich gelebt habe – in Dubai, London und Luxemburg – war der Einzug ein Erlebnis und kein bürokratischer Akt: Schlüssel erhalten, fertig, willkommen. Diese Einfachheit fehlt im Senior Living komplett. Zweitens die Qualität der Gemeinschaftsflächen. Die besten Co-Living-Konzepte haben verstanden, dass die Gemeinschaftsbereiche die Visitenkarte des Hauses sind. Nicht die Wohnung entscheidet darüber, ob sich ein Gebäude wie Zuhause anfühlt. Das Spannendste daran ist, dass Coliving nicht in Altersgruppen, sondern in sogenannten „Mindsets“ denkt. Wer ein junges Mindset hat, passt rein – und das hat nichts mit dem Geburtsdatum zu tun.
Am wichtigsten ist mir jedoch die Haltung. Wohnen ist ein Versprechen, kein Vertrag. In den besten Konzepten, die ich kenne, ziehen Menschen nicht wegen der Quadratmeter ein. Sie ziehen ein, weil sie spüren: Hier hat jemand an mich gedacht. Genau das ist die Übersetzung, die Senior Living jetzt braucht. Wir bauen nicht für einen Pflegegrad. Wir bauen für Übergänge, für Menschen, die freiwillig einziehen und gerne bleiben.“
Das Gespräch mit Benjamin Oeckl verdeutlicht: Erfolg im Senior Living von morgen bedeutet, Wohnen als emotionales Erlebnis und echtes Versprechen zu begreifen. Wenn wir in Mindsets statt in Altersgruppen denken, schaffen wir Orte, an denen Menschen nicht nur wohnen, sondern wirklich ankommen.





